1In den Gebieten östlich der Elbe hatte sich im 16. und 17. Jahrhundert die Gutsherrschaft als besonders intensive Form der Grundherrschaft entwickelt, die bis in das 19. Jahrhundert nicht nur die Agrarverfassung, sondern auch das wirtschaftliche, soziale und politische Leben bestimmte. Den Mittelpunkt der Gutsherrschaft bildete das eigenbewirtschaftete Rittergut mit seinen Vorwerken, das der adlige Eigentümer selbständig unter Ausnutzung der Dienstbarkeit der erbuntertänigen Bauern sowie der Dienstleistungen abhängiger Bauern bewirtschaftete. Dazu kamen die Gesindedienste, die Bauern- und Tagelöhner-Kinder gegen herkömmlichen Lohn, also „für Lohn und Brot“, verrichteten. Nur Kinder freier Bauern waren vom Gesindedienst ausgenommen. Innerhalb des Gutsbezirks waren die adligen Grundherren im Besitz der obrigkeitlichen Rechte. Sie übten gegenüber ihren Gutsuntertanen die Patrimonialgerichtsbarkeit und die Polizei- und Verwaltungshoheit aus und hatten das Patronat über Schule und Kirche inne. Die Gutsherrschaft bestand in allen östlich der Elbe gelegenen Ländern.

2Im 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts bestand die Gesellschaft in Ostpreußen aus drei sozialen Schichten: den adeligen Grundbesitzern, den freien Bürgern und der Schicht der Bauern, Kleinbauern und sonstigen untertänigen Landbewohner. Die einzelnen Bezeichnungen für die Angehörigen der bäuerlichen und unterbäuerlichen Schichten variierten von Region zu Region. Deshalb wurden die bäuerlichen und unterbäuerlichen Schichten oft unter dem Begriff Bauern oder Untertanen zusammengefasst, und auch im Allgemeinen Landrecht für die preußischen Staaten fand nur der Oberbegriff „Bauer“ Verwendung. Dieser Bauernstand war vielfältig geschichtet und unterschied sich durch Besitz und rechtliche Stellung deutlich.

3Um 1800 lebten von der Gesamtbevölkerung Ostpreußens über 70 Prozent auf dem Land, über 60 Prozent davon waren in der Landwirtschaft beschäftigt. In den Kammerbezirken Ostpreußen und Litauen siedelten zu dieser Zeit ca. 57.000 Bauern, davon lebten 42.000 Bauern als Untertanen auf adligen Gütern und Domänen. Über die Hälfte der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen verfügte nicht über Grundbesitz, sondern lebte als Instleute, Gesinde oder Handwerker in gutsherrlichen oder domäneneigenen Dörfern oder direkt auf dem Gelände der Gutsherrschaften.

4„Bäuerliche Lebenswelten“ stehen somit stellvertretend für das Alltagsleben von Bauern und unterbäuerlichen Schichten mit ihren sozialen Beziehungen, Werten, Normen und Verhaltensmustern. Sie werden in den Guts- und Wirtschaftsakten adliger Güter gespiegelt. Schon die Hausväterliteratur hatte deren Notwendigkeit erläutert und beschrieben, wie Güter gepachtet oder verpachtet werden sollen, dass Grenzen dokumentiert, Lagepläne, Grundbücher und Haushaltungsbücher angelegt werden sollen. Auf dieser Grundlage waren Pachtverträge, Inventare, Ertragsaufstellungen, Zinsregister, Einnahme- und Ausgaberechnungen, Lohn- und Deputat-Abrechnungen, Schuldenverzeichnisse, Einwohnerlisten etc. entstanden.

5Eine besonders aussagekräftige Quelle sind die Akten der Patrimonialgerichte. Als Inhaber der Patrimonialgerichtsbarkeit der Gutsbezirke richteten die adeligen Gutsherren oder von ihnen ernannte Vertrauenspersonen über Streitigkeiten unter dem Gesinde,den Bauern, Instleuten und anderen Dorfbewohnern. Zuständig waren sie für alle Formen von Zivilprozessen sowie für minderschwere Fälle der Kriminalgerichtsbarkeit, somit für alle geringeren Delikte des Alltags, die mit Geldbußen oder leichteren Leibstrafen zu ahnden waren. Schwere Leibstrafen und die Todesstrafe lagen bereits im 18. Jahrhundert ausschließlich bei königlichen Gerichten. Sie waren aber ebenso die erste Instanz für das Erbrecht, Grenzstreitigkeiten, die Registrierung und Überwachung von Verkäufen, die Beurkundung von Verträgen, die Aufnahme von Testamenten oder Vormundschaftsangelegenheiten. In von der Gutsherrschaft erlassenen Dorfordnungen wurde detailliert angeordnet, was verboten war und wozu die Untertanen des Gutsbezirkes neben dem Frondienst zusätzlich verpflichtet waren. Obwohl gegen die Entscheidungen des Patrimonialgerichts Berufung möglich war, blieben für gutsherrliche Untertanen die Gutsherrengerichte oft erste und letzte Instanz.

6Auch wenn Gutsarchive insbesondere aus der Perspektive gutsherrschaftlicher Herrschaftspraxis und Wirtschaftsführung angelegt worden waren, lassen sich darin Quellen für bäuerliche Lebenswelten fassen. Erste Hinweise auf das Beziehungsgeflecht Herrschaft – Untertanen geben aktenkundig gewordene Streitfälle: Erbuntertänigkeit, strittige Abgaben, Flucht, Diebstahl, vor allem von Holz, Vieh und Getreide, Beschädigung fremden Eigentums, Verstöße gegen das Braurecht, Vormundschaften, Ehebruch, uneheliche Schwangerschaften. So ist die Frage, ob man auf den ostpreußischen adligen Gütern von einer friedlich miteinander lebenden Dorfgemeinde auszugehen hat oder ob die Leute eher zu „Zänkereien“ geneigt waren, zu beantworten.

7Gottesglaube und Gottesfürchtigkeit der Menschen waren lange Zeit von großer Bedeutung für das Funktionieren adliger Herrschaft, dienten sie doch dazu, den eigenen Stand zu akzeptieren. Trotzdem erwuchs in der ländlichen Bevölkerung ein zunehmender Widerstand gegen höher werdende Belastungen und Abgaben, der sich jedoch nicht per se gegen die Herrschaft des Adels, sondern gegen die für den Gutsherrn zu erbringenden Dienste und Abgaben oder gegen von der Regierung erhobene Steuern richtete. Ob dies in Anbetracht der starken Stellung des Adels auf die zu untersuchenden Güter zutrifft, ist zu fragen. Dass es Widerstand durch nachlässige Ausführung der Dienste und durch Flucht aus dem Untertanenverhältnis gegeben hat, konnte in den „Lebenswelten“ exemplarisch gezeigt werden.

8Neben alltags- und mentalitätsgeschichtlichen, auch geschlechterspezifischen Problemen sind insbesondere die sozialen Konflikte infolge der Wandlungsprozesse auf dem Land zu untersuchen, wie sie sich u. a. aus Gesuchen um Unterstützung herauslesen lassen. Dazu gehören die langfristigen Folgen der Umwandlung der Bauern zu Pächtern. Eine Weitung des Themas „Lebenswelt“ auf Aspekte wie Arbeitswelt und Ernährung, Familie, Bildungschancen wird an Beispielen möglich sein.

9Augenmerk wird auf die Folgen des Allgemeinen Preußischen Landrechts (1794) zu legen sein, in dem nicht zuletzt kodifiziert wurde, was längst als örtliches Recht bestand, und das Rechte, Pflichten und Dienste der bäuerlichen Untertanen festlegte sowie das Gesinderecht, aber auch die Organisation der Dorfgemeinde regelte.

10Erste vor den Preußischen Agrarreformen umgesetzte „Strukturreformen“, schließlich die „Bauernbefreiung“ und die Aufhebung der Gutsuntertänigkeit änderten nachhaltig die Flur- und Arbeitsverfassung auf den Gütern mit weitreichenden Konsequenzen. Welche Folgen im Einzelfall die Auflösung der traditionellen bäuerlichen Feldgemeinschaft hatte, ist an den Quellen zu untersuchen.

11Nicht zuletzt ist an den Quellen der „Mythos der Patrimonialgerichtsbarkeit als Unterdrückungsinstrument“ unter der Maßgabe, dass es innerhalb der ländlichen Gemeinschaft auch ein existenziell notwendiges ‚Miteinander‘ gab, zu hinterfragen.