Rhein, den 16. September 1881

Hochgeborene Frau!
Hochgnädigste Frau Gräfin!

Ew. Gräfliche Gnaden haben mich durch Ihre Hochgeneigte Antwort vom 13. d. M. um so mehr zum Dank verpflichtet, als bei Hochderoselben Krankheit ich eigentlich keine erhalten durfte. Wie schön, dass die Nummern bei Ihnen, hochverehrte Frau Gräfin, noch vorhanden waren.

Zwei Exemplare meiner Broschüre habe ich mir erlaubt Ihnen zu übersenden; soll ich einen Preis dafür setzen, so wären es 50 Pf. für das Exemplar. Ich aber habe eine weitaus größere Bitte, nämlich ich weiß nicht, an welche Freunde der evangelischen Kirche und des deutschen Reiches ich dies der Erbauung(?) dienende Büchelchen zur Ansicht und zur etwaigen Spende von Gaben zu den Kirchenplatztüren senden könnte. Vielleicht haben Sie die Güte, mir solche Adressen zu geben; Sie würden mich zu hohem Dank verpflichten. Es ist ja keine   Unleserliche Stelle [...] Angelegenheit; es soll ja dem Ruhme Gottes der Kirchenplatz in würdiger Ausstattung dienen, und das Büchlein verkündet den Rum des Heilands.

  Editorische Auslassung [...]

Das Büchelchen ist aus plötzlicher Eingebung wie ein Blitz am fast heiteren Himmel 1866 mir selbst unerwartet hervorgebrochen; ich schrieb es in einem Zuge, es hat seine Schwächen, aber der Grundgehalt ist unwiderleglich wahr. Der zweite Teil von Goethes Faust ist eine Weissagung auf die heutige Zeit, das Wiedererstehen des deutschen Kaisertums, dass in allen Akten eine große Rolle spielt, am wenigsten im zweiten. Es beweist, in welchen Abgrund das ganze Leben ohne Gott, ohne Christentum und dessen reale Identität hinuntersinkt.

Unsere ganze mammonistische Gegenwart mit der mammonistischen Kunst und Wissenschaft, Presse und gemachten Volksstimmung, der sittliche Ruin des vom Christentum abgewandten, wenn auch noch so gebildeten Familienlebens, die Verzerrung der Politik in die gemeinste Geldgier, nur alles kriegerischen in die gröbste Rohheit, der   Unleserliche Stelle [...] kirchenfeindlichste und unbarmherzigste Sozialismus der Demokratie (im fünften Akte des zweiten Teils) – und endlich die Wiedergeburt aus dem Tode dieses gottlosen Daseins heraus durch die Gnade Gottes, die im lautern Evangelium uns naht – das alles ist uns von dem Dichter vor Augen gestellt.

Ich bin im Reden und Schreiben schrecklich unbeholfen und schwerfällig; aber ich müsste lügen, wenn ich nicht sagte, dies Buch mit seinen wenigen Blättern wäre ohne Wert und Bedeutung.

Wenn der Mammonismus durch seine Verbindungen unzählige Parteigänger auf Professoren- und Doktorstühle gesetzt hat, so ist es eine Schande, dass die Anhänger einer wahren Weltanschauung, die ohne Christentum in das Gegenteil herunter sinkt, die Verteidiger eines christlichen Idealismus, stets in den Hintergrund gedrängt werden. Ich kann ein Beispiel aus eigener Erfahrung dafür anführen, wie der Mammonismus mit der Macht des   Unleserliche Stelle [...] für   Unleserliche Stelle [...] Professoren und deren Bücher gemacht hat, die völlig glaubenlos waren.

Sie hatten früher vorausgesetzt, höchst verehrte Frau Gräfin, dass ich Doktor der Philosophie wäre; nun bin ich auch nicht dem Titel nach ein solcher, wenn ich nur in ihren Augen diesen Titel verdiente, d. h., wenn das Ihnen zugesandte Büchelchen nur wirklich von jemand geschrieben sein müsste, der ein nicht gewöhnliches Wissen hat! Bei all meiner Unvollkommenheit glaube ich doch, dass Tausende von denen, die studiert haben, nicht im Stande gewesen wären, den Plan des zweiten Teils so zu erkennen, wie ich.   Karl Rosenkranz, Hegel-Schüler, hatte seit 1833 den philosophischen Lehrstuhl in Königsberg inne.
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Mit Rosenkranz stimme ich in sehr vielen Punkten, in der Hauptsache aber – und darin liegt, meine ich, meine richtige Divination – Gott sei Dank! – nicht überein.

Zürnen Sie nicht über meine Bitte, die in größter Ehrerbietung ich gemacht, als Euer Hochgeboren untertänigster Diener Cludius

An Frau Gräfin Dönhoff schreibe ich sogleich, wie mir geraten ist, mit der Erklärung, wie ich dazu gekommen, das Büchelchen zu schreiben.  Siehe das Dokument vom 13. Juni 1881.
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Wie Herr Graf mir mit den Glasmalereien durch Herrn Polizeidirektor Staudy geholfen
,  ‟Der Plan von Goethes Faust‟ von Carl Eduard Cludius erschien 1887.
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so werden Euer Gräfliche Gnaden mein Büchlein zu verdienter Ehre bringen helfen,
welches schon 1867 den Mammonismus bekämpft und den echten deutschen christlichen Glauben mit seinem christlichen Idealismus verherrlicht. Das walte Gott! Derselbe. Verzeihen Sie einem armen Vielschreiber.

Zitierhinweis

Carl Eduard Cludius an Anna Gräfin von Lehndorff. Rhein, 16. September 1881In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_aw4_5r4_jdb