Angerburg, den 25. Febr. 1783

Hochgeborner Reichsgraf
insonders Höchstzuehrender Herr Kammerherr!

Nach einem von des Herrn Großkanzler und Chef de Justica p Freiherrn v. Carmer Exzellenz sub dato Berlin d. 31. Jan. c. erhaltenen Auftrage, soll ich bei Gelegenheit der Untersuchung des Ew. Hochgeboren schon bekannten Demelus(?) des Justiz-Directoris v. Schwensitzki und Actuarii Terpitz nicht nur recherchieren, wie das adeliche Justitiariatswesen in den Hauptämtern Angebrurg, Rastenburg und Barten dem Justiz-Reglemen vom 3. Dezembr. 1781 gemäß eingerichtet ist, sondern auch versuchen, die sämtlich Jurisdictionarien jeden Hauptamtes zur Erwählung eines gemeinschaftlichen Justitiarii zu bewegen.
Diesem hohen Befehl zufolge habe ich bereits gelegentlich veschiedene adelige Gutsbesitzer Hauptamts Angerburg über ihre Meinung sondiert, und sie ist einmütig dahin gegangen, ein Kreisjustitiariat nach dem Fuße des zu Seehesten für dieses Hauptamt am 6. Nov. verg. Jahres unter meiner kommissarischen Beihilfe errichteten, auch in diesem Hauptamt Angerburg etablieren zu wollen.
Ew. Hochgeboren ist Ihrer getanen Reisen wegen, deren edlen Zweck und großen Nutzen mir der würdige Herr Probst Pisanski ezählt hat, von diesen Justizverbesserungen vielleicht nichts wissend geworden. Um Ew. Hochgeboren also die Beurteilung derselben so kurz und comdendieuse als möglich zu machen, so habe ich die Ehre, Hochdenenselben
1) das gedruckte Justiz-Reglement vom 3. Dezbr. 1781 gehorsamst zu übersenden. In diesem Reglement und dessen erstem Abschnitte werden Ew. Hochgeboren Notiz zu nehmen geruhen, wie das Gesetz die adeliche Justizverwaltung verbessert haben will.
A) 2. Das hiebeigehende  Liegt dem Brief bei, Bl. 3-6.
 [Schließen]
Zirkular sub A
ist von mir an die Ritterschaft Seehestenschen Kreises erlassen, als ich dort mit der Ausführung des Reglements in diesem Teile seiner Vorschrift beschäftigt war, und wird Gelegenheit geben, den Nutzen der neuen Einrichtung zu übersehen.
B) 3. Die  Liegt dem Brief bei, Bl. 7-17.
 [Schließen]
Beilage B
ist der ganze Kreisjustitiariatskontrakt, so wie er in Seehesten ad 6. Nov. a. c. errichtet ist, und nach dessen Muster die zeither von mir befragte Angerburgsche Kreiseingesessene allhier auch einen errichtet zu haben wünschen.
C) 4. Die  Liegt dem Brief bei, Bl. 19-20.
 [Schließen]
Beilage C
ist eine Assoziation, welche die Seehestensche Ritterschaft ohne Veranlassung des Gesetzes aus freiwilliger Überlegung wegen gemeinschaftlicher Übertragung der Kriminalfälle geschlossen hat, und die auch hier im Angerburgschen Beifall und Wunsch der Nachahmung findet.
Ew. Hochgeboren Stimme hiebei ist mir um so wichtiger, da Ew. Hochgeboren fast den fünften Teil des Haupamts Angerburg besitzen. Ich ergreife aber auch diese Gelegenheit mit vorzüglichem Eifer, um Ew. Hochgeboren bei derselben einen tätigen Beweis der großen Verehrung zu geben, die ich zeithero Hochdenenselben nur in mündlicher Versicherung habe an den Tag legen können.
Deann außerdem, dass ich eben dieserwegen mich nicht damit begnüge, Ew. Hochgeboren mittelst einer kommissarischen Ladung, gleich den übrigen Kreiseingesessenen, zur Abgabe Ihrer Erklärung durch einen gesetzlich bestellten Bevollmächtigten aufzufordern, sondern Ew. Hochgeboren vielmehr durch dieses Privatschreiben aufs genaueste mit den Details der Einrichtung bekannt zu machen mir die Ehre gebe, so geht auch noch meine vorzügliche Absicht dahin, diese Einrichtung womöglich zu einem besonderen immerwährenden Vorteil Ew. Hochgeboren Güter zu machen, und die erste Wahl des Subjekts, soviel in meinen Kräften steht, zu Ew. Hochgeboren Zufriedenheit zu lenken.
In dieser Absicht erbitte ich mir gehorsamst Ew. Hochgeboren geneigte Erklärung, welches Subjekt Sie am vorzüglichste zum Kreis-Justitiario im Angerburgschen Hauptamte bestellt zu haben wünschen. Ein notwendiges Requisit desselben wird zwar nach den Gesetzen sein, dass das Subjekt bereits in einer Justizbedienung sich praktische Kenntnisse erworben oder bei einem Ober-Justiz-Kollegio als Auskultator oder Referendarius gedient haben muss, allein auch unter diesen wird Ew. Hochgeboren vielleicht einer angemessen wie der andere sein, vielleicht sich ein Subjekt finden, dessen Versorgung Ew. Hochgeboren besonders wünschen.
Dieses von Ew. Hochgeboren empfohlene Subjekt, für welches Ew. Hochgeboren mir alsdann Ihr bestimmtes Votum in Rücksicht Ihrer Güter beizulegen geruhen werden, will ich mir demnächst alle Mühe geben, den übrigen Kreiseingesessenen zu empfehlen, und ihm die Pluraliät der Stimmen zu verschaffen.
Demnächst muss ich gehorsamst bitten, den Beitrag zu bestimmen, den Ew. Hochgeboren zum auskömmlichen Unterhalt des Kreisjustitiarii zu reichen geruhen wollen. Hierin ist alles freiwilliger Beschluss, wie das beiligende gedruckte Gesetz besagt. Ich schlage also auch nicht einmal etwas vor, sondern bin so frei, Ew. Hochgeboren ein Argument gehorsamst anzuzeigen, wonach Hochdieselben Ihren Entschluss doch eingermaßen determinieren können.
Alle die Güter Hauptamts Angerburg, die ihrer Lage nach mit Ew. Hochgeboren Gütern zu Haltung eines gemeinschaftlichen Justitiarii verbunden werden können (denn einige werden ihrer Entfernung halber nach Goldap geschlagen werden müssen) haben etwa 1.100 Hufen Ew. Hochgeboren Güter enthalten 242 1/5 Hufen. Hier ist ein mathematisch bestimmbares Verhältnis. Ew. Hochgeboren Glückslage aber gegen die übrigen Kreiseingesessenen ist das moralische. Wenn Ew. Hochgeboren nun festsetzen, was ein solcher gemeinschaftl. Justitiarius zu seinem auskömmlichen Unterhalte nötig hat, so werden Ew. Hochgeboren sich leicht hieraus wegen Ihres eigenen Beitrages determinieren können.
Die Bestimmung aber des Bedürfnisses eines solchen Mannes, der ein Studierter sein muss, kann ich ganz sicher Ew. Hochgeboren alleinigen großmütigen Ermessen überlassen. Ihre edle Fürsorge für Gelehrte ist aufs rühmlichste bekannt, und man darf darüber nur Herrn Pisanski und andere Gelehrte sprechen hören, um Ew. Hocheboren hierin als Beispiel zu verehren.
Der Beitrag zum Unterhalte des Justitiarii kann nach den Gesetzen Geld und Naturalien sein.
Wodurch ich nun aber intendiere, diese Einrichtung zu einem besonderen Vorteil der Hochgräflich Steinortschen Güter zu machen, das würde darauf ankommen, ob Ew., Hochgeboren geruhen möchten, dem künftigen Kreisjustitiario in ihren Gütern oder in dem Hauptgute Steinort freie Wohnung zu geben.
Wenn ich alsdann zusammen nehme, dass die Hochgräfliche Steinortsche Residenz dadurch einen gelehrten, in Geschäften brauchbaren Mann ganz nah zur Hand bekommt, dass die Steinortsche Güter ihren Justitiarium beständig in sich haben, dass der hohen Steinortschen Familie hiedurch bei künftigen Wahlen des Kreisjustitiarii die entscheidende Stimme beinahe völlig gesichert wird, und dass die künftigen Besitzer der Steinortschen Herrschaft sich eben hiedurch überwiegenden Einfluss in anderen gemeinen Kreisangelegenheiten verschaffen, so kann ich nicht anders als glauben, dass hierunter Ew. Hocheboren Gütern ein ewiger Vorteil gestiftet wird.
Da ich meine amtliche hierüber zu treffende Verfügung nicht lange aussetzen darf, so bitte ich Ew. Hochgeboren gehorsamst um schleunige Mitteilung Ihrer hohen Entschließung.

Ich habe die Ehre mit ausgezeichneter Ehrerbietung zu sein
Ew. Hochgeboren ganz gehorsamster Diener
Glave

Zitierhinweis

Hofgerichtsrat Glave versucht Graf Lehndorff von den Vorteilen eines Kreisjustitiars zu überzeugen. Angerburg, 25. Februar 1783In: Die Spiegelung neuzeitlich-bäuerlicher Lebenswelten in den Akten ostpreußischer Gutsarchive. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2021-2023. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_ihl_tgl_xsb