Reichertswalde, 31. Dezember 1849

Zu meinem größten Befremden betrachten Euer Hochehrwürden den neulichen beklagenswerten Vorfall ganz cavatirement als etwas sehr unangenehmes fatales, das Ihnen auch allenfalls leid tut, unterdes Sie meines Erachtens Gründe genug hätten, denselben von einer viel ernsteren Seite anzusehen. Es scheint dies von einer Unklarheit und Verschwobenheit der Ansichten herzurühren, die sich bei Ihrem Stande nicht entschuldigen lässt, umso weniger, als sie mir ein Resultat des Jahres 1848 und seiner alhier einfundierenden Konsequenzen zu sein scheint. Es war mindestens ein Mangel an Zart- und Wirklichkeitsgefühl, als unmittelbar nach jener Katastrophe Euer Hochehrwürden Ihre Jagdstreifereien begannen, und als die total zerrütteten Jagd-Polizei-Gesetze durch die neue Jagd-Polizei-Ordnung revidiert wurden, war die Art und Weise, wie Sie diese Jagd-Polizei-Ordnung ignorierten, gesetzwidrig. Dennoch ignorierte ich die Sache, so lange sie sich in den Grenzen der Feldjagd bewegte, als mir aber der Jäger von Pirschfahrten Meldung tat, die ich kaum glauben wollte, war ich nicht wenig überrascht, Sie auf einer Pirschfahrt nach Rehwild zu treffen, wobei der Organist noch unnütz mitgeschleppt ward nebst einem dritten Begleiter. Die Absicht des Unternehmens ist durch die untersuchte Ladung des Gewehrs genügend konstatiert. Übrigens traf ich Sie auf meinem Jagdterritorio und hielt Sie auf einem Viehwagen an, wenn Sie also von Ihrem Lande sprechen, so weiß ich nicht, was damit gesagt sein soll, denn:

  • waren Sie, wie gesagt, gar nicht auf Ihrem Lande, vielmehr als ich Sie traf auf einem zum Territorio des Dorfes Reichertswalde gehörigen Fleck,
  • gehört die Jagd auf Ihrem Lande nicht Ihnen sondern mir einmal als Patron, sodann aber angenommen, wenn auch nicht zugegeben, dass dies Verhältnis angezweifelt werden könnte, so gehört sie mir, jedenfalls als Jagdpächter des bäuerlichen Territorii von Silberbach.

Hiernach würde ich also, selbst wenn Sie einen Jagdschein gehabt haben würden, dennoch vollständig befugt zur Konfiskation des Gewehres gewesen sein, und es liegt zur Zeit lediglich ein doppeltes Vergehen vor, unterdess es bei Vorhandensein eines Jagdscheins nur ein einfaches gewesen sein würde. Hiernächst haben Euer Hochehrwürden ein sehr namhaftes Ärgernis gegeben, was Sie wahrhaft bereuen sollten, da dies aber gar nicht der Fall zu sein scheint, so muss ich die Ursachen Ihrer Ansicht, wie schon gesagt, in einer ganz irrtümlichen oder vielmehr falschen Auffassung des Sachverhältnisses suchen.

Einem solchen bin ich schon bei anderen Veranlassungen verschiedentlich begegnet, und hat es mich nicht befremdet, als ich von zuverlässigen Personen hörte, dass Euer Hochehrwürden sowohl in den Kreis-Sdynoden als anderweit Äußerungen getan hätten von offenbar destruktiver Tendenz. Der Umgang mit einem Geistlichen der Nachbarschaft, welcher nebst seinen beiden Brüdern Ansichten erwähnter Art vielfach gehuldigt hat und noch jetzt noch huldigt, mag Sie zu ähnlichen Meinungen disponiert haben, ich muss Ihnen aber bemerkbar machen, dass dieselben bei der Majorität der der Geistlichkeit vorgesetzten Behörden durchaus keinen Beifall finden, und die Nachteile davon sich früher oder später bewahrheiten. Unter diesen Umständen wird es lediglich zu Ihrem eigenen Besten gereichen, wenn Sie die Dinge vermeiden, die Ihnen Schaden und Nachteil bringen können.

Meinerseits will ich Ihretwegen und des öffentlichen Ärgernisses wegen den Skandal einer polizeilich-gerichtlichen Untersuchung und Bestrafung vermeiden, die Sache aber oberflächlich als Faktum betrachten und der Vergessenheit übergeben ist ein Unding, denn was 10 Augen gesehen und 10 Ohren gehört haben, das kann nicht sofort ungeschehen und ungehört gemacht werden. Sie selbst aber haben unnützerweise 2 Zeugen für den Vorfall geliefert, von denen der Organist noch obendrein verführt zu sein behauptet. Sollte er sich abermals verführen lassen, so würde ich eine Strafverfolgung beantragen, um ihn vor dergleichen zu bewahren.

Übrigens habe ich mich, als er einen Jagdschein beantragte, meines Erachtens recht deutlich über den Gegenstand und meine Ansicht darüber ausgesprochen, wie man sieht, ohne Erfolg, obschon Euer Hochehrwürden behauptet, es würde nur eines Winks bedurft haben.

Was das konfiszierte Gewehr betrifft, so habe ich dasselbe dem hiesigen Revierjäger Bähr übergeben zu dessen   Unleserliche Stelle [...] gehört, und ich wundere mich über die Annahme, dass ich mich um diese Bagatelle noch irgendwie kümmern würde, da ich wahrlich mehr zu tun habe.

Wer es zu haben wünscht, mag sich mit dem Bähr in Einvernehmen setzen, der es jetzt es juste titulo als Eigentum besitzt.

Zitierhinweis

Graf Dohna wegen eines Jagdverstoßes in seiner Begüterung. [1849]In: Die Spiegelung neuzeitlich-bäuerlicher Lebenswelten in den Akten ostpreußischer Gutsarchive. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2021-2023. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_khv_rlb_3rb