Königsberg, Katholische Straße Nro. 37, 2. Dezember 1827

Hochgeborne, gnädige Gräfin!

Ew. Hochgeboren edles und gefühlvolles Herz kennend, indem ich davon schon mehrere Beweise habe, hoffe ich in demselben schon Entschuldigung zu finden, wenn ich, durch das äußerste Elend gezwungen, hiermit incommodieren muss. Seit Ew. Hochgeboren Königsberg verlassen haben, bin ich auch und die Meinigen ganz verlasssen. Durchaus von allem, auch dem allernotwendigsten, entblößt, krank und vom Mangel entkräftet, öfters tagelang auch nicht einmal Kartoffeln mit Salz, nicht ein Stückchen Brot, selten eine warme Suppe, schmachte ich und die Meinigen im größten beispiellosen Elende. Mein ältster Sohn ist ebenfalls zu Hause und muss mit uns hungern. Da durchaus keine Aussichten für ihn in Elbing waren, so ist er nach vollbrachter Dienstzeit abgegangen, um sich hier wiederum zu engagieren; allein unerachtet der besten Zeugnisse und allem, was ihm vorteilhaft sein müsste, hat er noch nicht reüssieren können, so wenig bei den Kürassieren als bei der Artillerie, es ist alles komplett, man macht ihm Hoffnungen und dann werden sie wieder getäuscht. Nirgends ist er angekommen und gern möchte er nach Berlin gehen und dort sein Glück suchen, allein wovon? So trifft uns alles Unglück, und da es unmöglich ist, von der kleinen Pension meines Mannes alle zu leben, von der noch alte Schulden bezahlt werden müssen und kaum einige Taler übrig bleiben, so sind wir ins größte Elend geraten. Vergeben Sie also, meine gütige Wohltäterin, mir die Bitte, uns wo möglich mit etwas zu unterstützen, uns fehlt alles - Kleider, Wäsche - alles! und eine Hilfe hierin würde uns sehr glücklich machen, ich bitte darum, wo möglich. Mein Mann, der sich Ihnen beiderseits gehorsamst empfiehlt und noch immer kränklich ist, bittet sehr, ihn gütigst wissen zu lassen, ob dieselben kein Bestellung an ihn aus Berlin haben, wohin er geschrieben, aber seit 4 Monaten keine Antwort erhalten. Gott segne Sie, verehrungswürdige Gräfin, lasse es Ihnen nicht missen, was Sie für eine unglückliche Familie tun.

Mit diesem Wunsche und der vorzüglichsten Hochachtung und Dankbarkeit unterzeichne ich mich Ew. Hochgeboren ewig dankbarste C. v. Rosbitzky

Zitierhinweis

C. von Rosbitzky an Pauline Gräfin von Lehndorff. Königsberg, 2. Dezember 1827In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_kn3_25t_msb