Rogäsen bei Brandenburg a. d. Havel, den 25. August 1810

Mein bester Graf!

Fest entschlossen, meine väterlichen Provinzen, und hätte sich irgend die Möglichkeit zu einem Handel mit meinem Bruder herausfinden lassen, doch nicht die väterlichen Güter zu verlassen, konnte ich nie glauben, dass Ihr mir jetzt so lieber Vorschlag, Ihnen in Preußen eines ihrer Güter abzupachten, noch von mir als freudevolle Ressource würde ergriffen werden. Sie geliebter Major, kennen mich sehr lange, schon früher, ehe ich die Ehre genoss, einige Jahre unter Ihnen zu dienen; Sie wissen, was ich in Ihrer väterlichen Provinz verlor - ich verachtete damals die ausgesprengten Neuigkeiten niederer neidischer Seelen und wollte nichts mehr gewinnen, wo mir alles verloren ging. Diese Leiden gaben mir eine solche Bitterkeit gegen Preußen, dass ich es noch vor einem halben Jahr für unmöglich hielt, zu ergreifen, was Sie mir in Berlin vorgeschlagen - ein Gut von Ihnen zu pachten und auf diesem, wie auf denen anderen, Ihnen durch den Austausch unserer Ideen zu Einführung des Fruchtwechsel-Systems behilflich zu sein - ich zog es vor, auf dem Gute meines gastfreundlichen Bruders zu bleiben und durch Einrichtung der hiesigen Wirtschaft nach meinen Grundsätzen seine liebevolle Aufnahme zu vergelten, bis mir die Zeiten es zuließen, selbst etwas zu kaufen oder zu pachten.

Doch die mich ewig neckende Neigung zum sogenannten schönen Geschlecht hörte nicht auf, mich zu foppen,  Henriette Schöndorfer
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und so wurde ich der Beschwängerer eines ihrem Range nach honetten Mädchens; gern habe ich ihr die Tragung meines Namens zugestanden,
doch mir ist seit der Zeit die sonst liebe Gegend verhasst, mit unwiderstehlicher Gewalt drängt mich mein Inneres nach jener, wo ich so unschuldsvoll reine Freuden genoss.

Wie aber könnte ich dies besser erfüllen, wie gütiger aufgenommen, wo mehr meinen Wunsch erreichen, nützlich zu werden, als wenn ich Sie an den vielleicht längst vergessenen Plan erinnere und bei Ihnen anfrage, wie jetzt Ihre Meinung über unsere Wirtschaftsart, wie die über meine ökonomische Person und über jenen Plan ist?

Sollten Sie, wie ich hoffe, noch in Berlin sein, so werde ich Sie bald sprechen, da ich binnen 8 Tagen hinkomme und Sie dann in jedem Fall aufsuche; wären Sie in Möglin, so ersuche ich Sie, wenn Sie meinen Vorschlag nicht annehmen, Thaer nichts davon zu sagen, da ich in dieser unglücklichen Zeit schon mehrere Pläne mit ihm beraten und ein alter abstrakter Gelehrter sich nicht so in das peinliche meiner Lage zu setzen vermag, und ich von ihm - der stets so sehr gütig für mich war - nicht gern für einen Projektemacher gehalten sein möchte. Sind Sie aber in Preußen, so ersuche ich Sie, Ihre gütige Antwort hierher zu adressieren und mir einiges über die Art und den Ort wie und wo mein gemeinnütziger Plan auszuführen ist, gütigst zu schreiben.

Mein Herz ist zu voll, um jetzt noch viele Worte zu machen, besonders, da ich nur wünsche, dass die Sache sich und nicht jene sie empfiehlt - ich warte daher ruhig Ihre gütige Antwort ab und bin mit den besten Wünschen für Ihr Wohl und der vorzüglichsten Hochachtung, mein bester Major,

Ihr gehorsamster Freund und Diener Werder
Rittmeister der Armee

Zitierhinweis

Johann Wilhelm von Werder an Carl Friedrich Ludwig Graf von Lehndorff. Rogäsen, 25. August 1810. In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_nj2_jb2_p3b