Friedrichstein, den 29. Juni 1863

Meine Herzens Änny!

Gestern erhielten wir einen Brief von Amelie, der eine interessante Relation enthält über die Eindrücke der  Siehe das Dokument vom 12. Juni 1863.
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Preußischen Reise
, welche die Kronprinzess der Königin Witwe in lebhaften Farben geschildert hat.

Ich habe die betreffenden Stellen wörtlich für Dich abgeschrieben, damit Du siehst, wie in den Augen der Frau Prinzess Steinort der Glanzpunkt der ganzen Preußischen Reise geblieben. Und das mit vollem Recht, denn niemand hat auch nur annähernd Ähnliches geleistet und nach jeder Richtung hin so viele Mittel aufgeboten, um die Frau Prinzess zu erfreuen und zu befriedigen, wir Ihr es getan. Es ist doch erfreulich, wie die Anerkenntnis für so viel Aufopferung, die wir in Steinort öfters vermissten, nun wenigstens nachträglich bei ihr zum Durchbruch kommt, und ihrerseits laut und rühmend ausgesprochen wird.

Als die Kronprinzess mir in Gerdauen begegnete, rief sie: Ach wie freue ich mich Sie wiederzusehen, als letzte Reliquie von Steinort!, wo ich so glücklich gewesen bin. In Gerdauen saß ich der Kronprinzess vis a vis bei Tisch und sie unterhielt sich fast die ganze Zeit mit mir laut und lebendig über Steinorter Erinnerungen. Beim Abschied umarmte sie mich und sagte: Sie werden mir jetzt recht fehlen, Gräfin! Ich habe so frohe Tage mit Ihnen in Steinort verlebt. Dann fügte sie noch hinzu: Da ihr Aufenthalt in Friedrichstein dies Mal leider sehr kurz gewesen, werde sie das nächste Mal uns einen längeren Besuch machen. - Mein Entzücken über diese Aussicht war ein sehr gemäßigtes, denn Ihr habt uns in Steinort das Handwerk dermaßen verdorben, dass hinfüro aller Aufwand von Kräften, den wir in Friedrichstein machen könnten, der kleinen verwöhnten Frau Prinzess nur schmal und ledern erscheinen würde.

Ich hörte davon sprechen, die Frau Prinzess habe den Wunsch gehabt,  Ein Pferd aus der Lehndorffschen Zucht
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Eugenie
zu kaufen, die ihr so sehr zusagte. Schweinitz aber habe geglaubt, es nicht über sich nehmen zu können, da, wie mir Gräfin Brühl sagte, Hemis(?) ein sehr strenger Hofmarschall sei und den Hof sehr knapp mit dem Geld hielte; ein Faktum, welches allerdings sehr durchscheinend an diesem Hof ist. Die Brühl erzählte mir, die Frau Prinzess habe erst in diesem Jahr ein zweites Reitpferd mit vieler Mühe erlangt und sich bisher mit einem einzigen begnügen müssen. Die Leistungsfähigkeit dieses Pferdes muss übrigens aller Ehren wert sein. In Gerdauen hat Schweinitz 10 Friedrichsdor Trinkgeld ins Haus gegeben, was sehr viel ist im Vergleich zu den 25 Schnepflein in Steinort. Bald möchte sie Nachricht geben, wie ihre Gesundheit diese harte Feuerprobe überstanden hat.   Editorische Auslassung [...]

So reizend und amüsant es war, die glanzvollen Festtage in Steinort als unverantwortlicher Zuschauer zu erleben, so tötend denke ichs mir, der Chevalier   Unleserliche Stelle [...] all dieser Herrlichkeit gewesen zu sein.   Unleserliche Stelle [...]

Deine treue Schwester Pauline Dönhoff

Abschrift von Amelies Brief an meinen Mann, Sans Souci den 26. Juni 1863

Deine Mitteilungen aus der Zeit des Frau Prinzesslichen séjours in Preußen können wir Dir gar nicht genug danken. So viel aber ist sicher, dass alles, was man für die Frau Prinzess arrangiert hat, auf dankbaren Boden gefallen ist. - Sie hat sich überaus anerkennend darüber zur Königin ausgesprochen.

Den Sieg aber über alle Etablissements, die sie besuchte, hat doch Steinort davongetragen; besonders in Bezug auf den train de vie, der Ihr vollkommen zugesagt hat. Den séjour in Schlobitten und Dönhoffstädt schilderte Sie als zu förmlich und steif, wenn auch Sie der Grandiosität der Schlösser alle Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Friedrichstein habe beides vereint: Großartigkeit des Etablissements und   Unleserliche Stelle [...] der Allüren. Gerdauen hat ihr auch sehr gefallen, und hob sie besonders die durch und durch neue Stattlichkeit(?) der Einrichtung hervor. - Steinort aber blieb immer der Höhepunkt von allem, was Sie erzählte.

Wüsste ich nur erst, wie Anna das alles überstanden, was sich in so kurzer, überhäufter Zeit für sie zusammendrängte an verschiedensten Aufgaben, Anforderungen, Eindrücken und Emotionen.

Zitierhinweis

Pauline Gräfin von Dönhoff an Anna Gräfin von Lehndorff. Friedrichstein, 29. Juni 1863In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_osl_fwf_4y