Fichtenhof den 4.1.47

Liebes Frl. Puschke,

leider komme ich erst heute dazu, Ihnen auf Ihren Brief vom 17.10. zu antworten. Bitte seien Sie nicht böse, dass dadurch auch die beigefügten Abschriften erst jetzt wieder zu Ihnen zurückgehen. Haben Sie herzlichen Dank dafür. Alles, was über Angerburg geschrieben ist, erschüttert einen tief, wie ja leider alles, was man aus unserer geliebten Heimat hört. Sie ist für immer für uns verschwunden und wir werden uns nur noch wie an ein früheres Leben daran erinnern können. Nie wieder wird es - solange wir leben - in deutschen Besitz zurückkommen. Es wird Sie aber vielleicht interessieren, dass ich von einem poln[ischen] Freund von uns, einem Grafen  Krasiński?
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Krachiki
, gehört habe, dass Steinort poln[isch] staatl[iches] Gestüt geworden ist, wahrscheinlich für Araberpferde, und auch ein ganz vernünftiger Leiter dort sein soll. Wenn es wirklich stimmt, was ich nach dieser Nachricht von diesem Herrn annehme, ist es noch nicht das Schlechteste, da es wenigstens in seiner Ganzheit bestehen bleibt und nicht völlig zerschlagen wird. Es ist mir auch ein angenehmer Gedanke, dort edle Pferde zu wissen, besser als grauenhafte Menschen in Massen.
Ihnen und Ihrer Mutter und Ihren Geschwistern möchte ich nun erstmal nachträglich ein recht gesundes neues Jahr wünschen. Die Gesundheit ist heute das Wichtigste, und alles andere ist sehr schwer zu wünschen, da wohl kaum etwas in Erfüllung gehen wird. Aber wenn man seine Knochen einigermaßen beieinander hat, dann kann man schon viel vertragen. Allerdings muss auch die Seele gesund sein, und auch dieses wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen.  Eva Puschke hatte es nach Breiholz, Krs. Rendsburg, verschlagen. Sie war - wie viele Puschkes - Lehrerin geworden.
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Ich rechne ja noch immer im Stillen mit Ihnen und baue meine Pläne damit auf.
Bislang ist allerdings schon einer, der eigentlich so gut wie fertig war, in die Brüche gegangen. Mein langes Schweigen rührte auch daher, dass ich eigentlich seit Anfang Oktober nicht hier war und mir die Briefe immer nachreisten. Ich hatte von der Mil[itär-]Reg[ierung] schon die Erlaubnis in der Tasche, den Stadthof der Stadt Düsseldorf zu pachten, und wollte ihn am 4. Dez[ember] übernehmen, was mein Schwager für mich tun wollte. Es war eine sehr schöne Sache, vor allem seit Jahren bestens bewirtschaftet. Ca. 500 Morgen und alles sehr gut und modern eingerichtet. Am Tage der Übernahme zerschlug es sich wieder, d. h. der Fall war nicht ganz klar, und ich zog mich erst einmal zurück, da ich nicht in ungeklärte Verhältnisse hereinbrechen möchte, was nur immer Zank und Streit mit sich bringt, und darauf ruht niemals Segen. Ich will nur eine ganz einwandfreie Sache übernehmen. Nun fühlt sich die Mil[itär-]Reg[ierung] sehr in meiner Schuld, und da ich ganz gute Beziehungen habe, hoffe ich, dass bald etwas anderes klappen wird. Jedenfalls hat man es mir versprochen und ist stehe dort - in Bonn - auf der Liste als Erste.
Jedenfalls rechne ich bestimmt damit, bis Anfang April Boden unter den Füßen zu haben. Ich bin weiter fest entschlossen, eine gute Lehrkraft in mein Haus für die Kinder zu nehmen, und glaube dann auch bestimmt mehr Platz zu haben als z. B. jetzt. Die Kinder lernen in der Schule absolut gar nichts, da sie viel zu voll sind und augenblicklich ja auch keinerlei H[e]izmaterial vorhanden ist. Alles Dinge, die sich natürlich nicht abstellen lassen in absehbarer Zeit, aber trotzdem möchte ich, dass meine Kinder etwas lernen, und jeder Tag jetzt wird ihnen später fehlen, und es ist schließlich das Einzige, was man ihnen mitgeben kann. Der Brief Ihrer Tante hat mich sehr interessiert, aber ich möchte keinen alten Menschen zu mir nehmen, kann auch leider keinen Anhang mit dazu nehmen, da das immer mit dem Platz nicht zu machen ist. Solange ich hier lebe, ist es sowieso unmöglich, da wir sehr mit dem Platz beschränkt sind. Bitte schreiben Sie mir bitte weiter Ihre Pläne und ich werde Sie ebenfalls auf dem Laufenden halten. Ich sehe mich natürlich auch nach einer anderen Kraft um, bevor Sie, Frl. Puschke, mir nicht fest zugesagt haben. Vorläufig habe ich aber noch nichts gefunden.
Uns geht es weiter ganz gut. Meine Älteste, Nona, geht jetzt für 3 Monate in die Schweiz, wohin sie eingeladen ist, d. h. eigentlich alle vier Kinder in Familien, Freunde von meinem Mann und mir. Die drei Kleinen sind mir aber noch zu klein. Nona wird es sehr gut tun, da sie enorm gewachsen ist und rasend dünn und anfällig. Das Leben wird leider von Monat zu Monat schwerer, aber wir können noch nicht klagen, verglichen mit Millionen von anderen Menschen. Bislang sind wir immer noch so einigermaßen satt geworden und habe[n] auch warme Stuben, da das Haus mir Öl geheizt wird, was allerdings nie ganz warm macht, aber doch immer sehr gut temperiert.
Nun musss ich Schluss machen, die Zeit und Arbeit drängt. Ich hatte übrigens in diesen Tagen eine Karte von Frau Klatt, was mich besonders freute, dass sie wirklich noch am Leben ist.

Nochmals alles Gute Ihrer Familie und Ihnen, liebes Fräulein Puschke, von uns allen herzliche Grüße
Ihre
Gottliebe Lehndorff

Zitierhinweis

Gottliebe von Lehndorff an Eva Puschke. Fichtenhof, 4. Januar 1947In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_otv_jql_qrb