Marienwerder, den 26. Mai 1832

Hochgeehrter Freund!

Es war mir ein eigenes Gefühl, als ich Ew. Hochgeboren so gütiges Schreiben mit offen gelassenem Datum durchlas, worin Sie mir anzeigen, wie Sie die Armee verlassen haben, um sich im Schoße der Ruhe zurückzuziehen. Wenngleich ich Sie hierum sowie um manches andere beneide, womit Sie das Schicksal beschenkt hat, Steinort ist davon das erste, und wenngleich durch Verhältnisse, Verschiedenheit des Charakters usw. unsere Wege nicht immer gleich liefen, so seien Sie doch überzeugt, obschon, wie Sie vorgeben, ich über manches räsoniert haben soll, dass es mir in der Seele weh tat, als ich ersah, dass Sie nun die Division wirklich verlassen hatten und aus der Armee geschieden waren. Wenn man so lange wie wir gedient hat, so stößt man selten auf Menschen, die einem zusagen, besonders, wenn man schon in die Tage getreten ist, wovon man sagt, sie gefallen einem nicht. Wie sollte es nun nicht schmerzhaft sein, einen so lieben Kameraden als Sie zu verlieren? Und dann, wenn alles, was mit uns gelebt und gewirkt hat, verschwindet, und man dann endlich, wie   Albrecht Wenzel von Wallenstein, Feldherr und Politiker.
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Wallenstein
sagt, wie ein vorderster Stamm einsam und allein steht. Welches Gefühl!

Sie scheiden von uns, aber meine Freundschaft und Achtung wird Ihnen auch in der Ferne bleiben. Noch sechs Jahre muss ich, wenn ich leben bleibe, geduldig an meinem Joch fortziehen, aber dann hoffe ich Ihrem Beispiel folgen zu können.

Was Sie mir zur Empfehlung von Sell und Schultz sagen, soll gewiss beachtet werden, und ich will suchen, besonders am ersteren die guten Dienste zu belohnen, welche er dem Dienst und uns erwiesen hat.

Leben Sie wohl und glücklich im Kreise einer schönen Frau, liebenswürdiger Kinder und dem Genuss eines fürstlichen Gutes; empfehlen Sie mich der erstereren bestens und überzeugen Sie sich, dass es zur größten Ehre und Freude gereichen wird, Ihnen einmal in Steinort aufzuwarten,

Ihrem aufrichtigen Freund v. Schmidt

Morgen Abend trifft unser neuer Kommandierender in Marienburg ein, wo er mich sehen will, um vorläufig (?!) sich mit mir über die Polen zu besprechen. Vorläufig! nach 8 Monaten ihres Hierseins und der Überzeugung, dass sie nur hier weggehen, wenn sie müssen.

Zitierhinweis

von Schmidt an Carl Friedrich Ludwig Graf von Lehndorff. Marienwerder, 26. Mai 1832In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_tn1_nqr_ddb