Tolks, den 2. Dezember 1880

Gnädigste Frau Gräfin!

Auf Ihr sehr geehrtes Schreiben vom 24. d. M. vermelde ich ganz gehorsamst, dass die Vermutung zutreffend ist, da ich einen jährlichen Beitrag für die Berliner Stadtmission gebe und denselben an Herrn Pfarrer von Behr in Reddenau abliefere, welcher die Beiträge des Pr. Eylauer Kreises sammelt, dass ich auch in diesem Jahre bei Gelegenheit der Anwesenheit des Hofpredigers Stoecker in der Provinz noch einen außerordentlichen Beitrag beigesteuert habe.

Nach dem Bericht des Vorsitzenden des Ostpr. Prov. Vereins für die Berliner Stadtmission von 1879 ist Pr. Eylau mit 253 M Beiträgen einer der Kreise, welcher sich am meisten an diesem Werke der Liebe beteiligt hatte, so dass es wenig Erfolg verspricht, weiter dafür das Interesse zu erregen. Es gibt zu viele Besitzer, liberale und konservative, welche von solchen Dingen nichts hören wollen und jede Hilfe verweigern. Außerdem darf man aber auch den Willigen nicht zu oft kommen. Da wird für äußere und innere Mission (Königsberg), für die in nächster Nähe gelegenen Rettungshäuser Bartenstein, Pr. Eylau, Schönbruch etc. gesammelt, und wer doch schließlich nur einen bestimmten Teil seiner Einnahmen zu ähnlichen Zwecken verwenden kann, sieht sich zu gewissen Beschränkungen darin genötigt.

Gleichwohl werde ich mich bemühen, ob ich nicht einen oder den anderen für den von Ihnen bezeichneten Zweck interessieren kann.

Es war zu bedauern, dass bei der Anwesenheit Stoeckers in Bartenstein die Kirche wenig gefüllt war. Dies wäre die beste Gelegenheit gewesen, um die Menschen für diese Sache zu erwärmen.

Für das Magdalenenstift habe ich bisher keinen festen jährlichen Beitrag gezahlt. Ich bin aber gern bereit, einen solchen mit 20 Mark jährlich zu zeichnen und erlaube mir denselben einliegend zu übersenden.

Für die Übersendung der Drucksachen sage ich meinen verbindlichsten Dank.

Mit dem Wunsche, dass Ihre Bemühungen für das Reich Gottes mit dem günstigsten Erfolg gekrönt sein möchten, habe ich die Ehre mich zu zeichnen, gnädigste Frau Gräfin, Ihr ganz gehorsamster v. Tettau

Zitierhinweis

Alfred Freiherr von Tettau an Anna Gräfin von Lehndorff. Tolks, 2. Dezember 1880. In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_ujz_q4h_hdb