Rosengarten, den 2. Mai 1859

Hochgeborene Frau Gräfin!

So haben wir mit Gottes Hilfe die Feiertage durchlebt. Viel Arbeit zwar, da ich auch die Nächte zur Präparation brauchte, aber auch viel Freude, da die Kirchentüren vor der Menschenmenge offen bleiben mussten, damit auch die vor der Tür Stehenden am Gottesdienst teilnehmen konnten. Taberlack und Serwillen hatten auch ihr Kontingent gestellt, nur Steinort war in seiner niedrigen Bevölkerung wenig vertreten; mögen wohl warten, dass ihnen das Kirchlein in Steinort selbst geöffnet werde! Wenn mir auch solche Trägheit von den Leuten missfällt, umso mehr, als mein Gotteshaus hier, wenn alle so dächten, leer stehen müsste, so möchte ich doch wiederum nicht, dass ich mich den Steinortern entfremde, und frage deshalb die hohe Frau ganz gehorsamst an, ob ich für einen schönen Sonntagsgottesdienst in der Kapelle ansagen soll? Habe ich ohnehin schon die gehorsamste Bitte an unsere hohen Herrschaften, hochgeneigtest gestatten zu wollen, dass ich der Poltzienschen Familie, deren weiblicher Vorstand sehr leidend ist, in der Kapelle das heilige Abendmahl reichen darf. Oder befehlen Frau Gräfin, dass ich es ihnen in ihrem Haus gebe?

 Gemeint ist der preußische Verfassungskonflikt.
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Der politische Himmel hat sich, wie es scheint, in dunkle Wolken gehüllt;
in diesem Augenblick mag manches tapfere Herzblut für seinen Kaiser geflossen sein, während die Feuerschlünde sich billigerweise von den Unschuldigen ab gegen die kehren sollten, die das Siechtum sonst blühender Provinzen und das Wehklagen vieler Witwen und Waisen nicht rühren mag. Was bleibt dem Schwachen übrig, als von der Weisheit Gottes das Beste zu hoffen.

 Zur Ausbreitung der Baptisten in Masuren: https://de.wikipedia.org/wiki/Baptisten_in_Polen.
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Wenn aber die Baptisten, die in den angrenzenden Kirchspielen   Unleserliche Stelle [...] und Rastenburg den Geistlichen sogar mitgefeiert haben, nun auch in meine Gemeinde sich wagten - so wollte mir um meiner Herde willen recht bange werden.
Nitzsch sagt in seiner  Praktische Theologie, 3 Bde., Bonn 1847ff.
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Praktischen Theologie
: „Die in unsere landeskirchlichen Gemeinden sich einschleichende Propaganda der Baptisten pflegt sich zunächst an erweckte und geförderte Glieder zu wenden‟, und so ist es eben bei uns. Leutchen, die sonntäglich zur Kirche kommen, wird ohne Aufhören nachgestellt, so dass zwei Seelen (freilich Verwandte eines baptistischen sogenannten   Unleserliche Stelle [...]) sich schon nicht mehr bei uns blicken lassen, andere aber wenigstens zweifelhaft geworden sind. Was ist da zu machen? Die noch unberührten Glieder meiner Gemeinde hüte und warne ich vor diesen Irrungen und weiche, so weit es nicht auf amtlich   Unleserliche Stelle [...] Gebiete notwendig wird, dem persönlichen christlichen Verkehr oder Gespräch mit den Separatisten nicht aus. Wollten sie sich nur fassen lassen, aber auf jede an sie gerichtete Frage antworten sie mit eben aufgeschlagenen Bibelstellen, die regelmäßig gar nicht passen.

Oh ich habe manche trübe Stunde um ihretwillen gehabt, und meine Seele war recht besorgt, wie es werden möchte! Da gedachte ich eines Versleins, das meine Eltern oft unter Tränen mit ihren acht Kindern gesungen haben: „  Geistliches Lied von Paul Flemmimg aus dem Jahr 1633.
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So sei nun Seele freie und traue dem alleine, der Dich erschaffen hat. Es gehe wie es gehe, dein Vater in der Höhe weiß allen Sachen Rat‟
, und es ergriff mich wunderbar freudig. Während ich nun dem rechten Hirten alle seine Schäflein in herzlichen Gebeten ans Herz lege, gewährt er mir die Antwort, dass die Baptisten in meiner Gemeinde wenig wirken werden. Die ganze Gemeinde bedauert sie als Blödsinnige, und selbst Zweifelhafte sind wieder im Gotteshause erschienen, mit ihren Brüdern Gott zu leben. Bete auch du, fromme Christin, mit mir, dass es also bleibe mit meiner Gemeinde und dass die Irrenden wieder die Gnade Gottes ergreifen und selig werden!

Wie geht es der hochedlen Frau Gräfin? Wollen die körperlichen Leiden nicht enden? Wie hat doch Gott die hohe Frau an Leib und Seele sonst so viel bedacht und hier schwingt er seine Rute so scharf, dass wir, wäre die Seele nicht so stark, dem Herrn Jesu das Kreuz geduldig nachzutragen, uns billig nicht wundern dürften, wenn anhaltendes Klagen unsere Ohren und Herzen berührte. Nun aber treibt es uns recht aus Herzensgrund zu beten: Gott wolle unser Kleinod uns noch lange lassen! - Gastein liegt nicht fern vom   Sardinischer Krieg
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Kriegsschauplatz
-, wenn möglich, so kehren unsere hochverehrte Gräfin in die Heimat wieder, wo inmitten treuer Herzen die schöne Natur und der balsamische Duft des Frühlingslaubes ihre gute Wirkung nicht verfehlen werden. - Ist Herr Graf ganz wohl? Wir haben ihn sehnlichst erwartet. Die Briefe des Herrn Grafen sind von uns mit großem Danke entgegengenommen, die stenografischen Berichte wurden förmlich studiert.

Der Schmerz in meiner rechten Seite, den Hirschfeld nicht für Lungenkrankheit hält, will noch immer nicht weichen und quält mich namentlich nach vielem Reden und beim Fahren, vielleicht wird der Brunnen es gut machen, den ich im Juni trinken soll. Meine Frau bestellt, wiewohl nicht ohne einige Zaghaftigkeit um des Frostes willen, der in vergangener Nacht sogar eine leichte Decke über den Teich gelegt hatte, ihre Gärten recht fleißig und revidiert täglich die Wohnungen und die äußeren und inneren Zustände der Arbeiterfamilien, in welche sie mich begleitet. Habe ich nach Bibel und Gesangbuch gefragt, so fragt sie nach den Kindern; habe ich Überzeugung gewonnen, ob die Eltern ihre Kindlein und sich selbst täglich dem Herrn Jesu empfehlen, so besieht sie Kinder und Mutter, ob sie sich rein halten - und wie ich über manche Seele betrübt werde, so hat auch sie oft zu schelten und zu ermahnen, wir wollen aber auch gern berichten, dass wir über viele Familien den Herrn loben müssen und ihm danken.

Gestern habe ich der Engelsteiner Gemeinde von der Kanzel angekündigt, dass am 8. d. M. der Prediger Stechern aus Nikolaiken bei ihr seine Hasspredigten(?) halten wird. Steinort und die ganze Gegend hier hat nichts Neues zu erzählen, wenn nicht etwa die Nachricht von der einfachen, aber recht würdigen Haustaufe der kleinen Friederike Messerschmidt am 1. Osterfeiertage die Teilnahme gnädigster Gräfin interessieren möchte.

Gott erhalte die hochgütigen Herrschaften!

Nächst untertänigen Empfehlungen an die ganze hochgräfliche Familie bin ich meiner gnädigsten Frau Gräfin gehorsamster Diener Borkowski

Zitierhinweis

Johann Carl Borkowski an Anna Gräfin von Lehndorff. Rosengarten, 2. Mai 1859. In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail.xql?id=lehndorff_xjh_lmb_ycb