Rosengarten

Jedem, der zum ersten Mal nach Rosengarten kommt, fällt sofort die Eigenart unseres Gotteshauses ins Auge. Solch ein Kirchlein hat er wohl in Ostpreußen kaum - höchstens in Lappienen - gesehen. So eigenartig steht es da in seiner achteckigen Form inmitten des schönen Kirchengartens mit seinen grünen Rasenflächen, den breiten sauberen Gängen und den hohen rauschenden Bäumen. 100 Jahre ist es jetzt alt, an Stelle der baufälligen, bereits 10 Jahre vorher abgebrochen vorreformatorischen Kirche auf Wunsch des damaligen Kronprinzen, des späteren Königs Friedrich Wilhelm IV., der mit dem Kirchenpatron Herrn Grafen Lehndorff-Steinort eng befreundet war, nach dem Muster einer italienischen Kirche erbaut.

Die Jahre sind nicht spurlos an unserem Gotteshaus vorübergegangen. Aber im Krieg und in der Nachkriegszeit konnte fast nichts an ihr getan werden, weil die anderen durch den Russeneinfall zerstörten kirchlichen Gebäude - im ganzen sechs - vollständig neu aufgebaut werden mussten, wobei die Gemeinde einen großen Teil der Kosten selbst tragen musste. Umso mehr war es ihr sehnlichster Wunsch, wenigstens zur Hundertjahrfeier ihr Kirchlein instand zu setzen. Aber die gesammelten Mittel wurden zunächst restlos verbraucht durch dringend notwendige Vorarbeiten: vollständige Neuanlegung des einem Urwald gleichenden Kirchengartens und Umdeckung des ganzen Kirchendachs, bei dessen Schadhaftigkeit das Regenwasser durchgedrungen war und große hässliche Flecken auf der gemalten Decke hinterlassen hatte. Über 2.000 Mark hatten diese Vorarbeiten verschlungen, nun hieß es auf neue Mittel sinnen für die eigentlichem Arbeiten zum Jubiläum: Neuausmalung, Umbau der klapprigen Orgel in ein pneumatisches Werk und Ersatz der beiden im Krieg abgelieferten Glocken.

Wird die Gemeinde willig sein, auch die hierfür erforderliche Summe aufzubringen, nämlich im ganzen noch 13.000 Mark? Jetzt - in dieser schweren Zeit, wo jeder schwer zu ringen hat, um das eigene Leben zu fristen? Konnte man wirklich ernstlich an die Ausführung herangehen, oder wäre es nicht besser, wenigstens die Ausmalung, die bei der Eigenart der Kirche nur einem Kirchenmaler ersten Ranges anvertraut werden konnte und allein schon den Betrag von 6.000 Mark erforderte, auf spätere günstigere Zeiten zu verschieben?

Alle Bedenken wurden hinfällig durch den Eifer, mit dem sich der Gemeindekirchenrat und die Gemeindevertretung der Sache annahmen. Es war ihnen eine Ehrenpflicht, hierfür auch große Opfer zu bringen wie die Vorfahren, die gleichfalls in schwerer Zeit das Gotteshaus erbaut hatten. Und so kam denn in der Sitzung vom 24. Februar d. J. der fast einstimmige Beschluss zustande, nicht nur neue Glocken zu beschaffen und die Orgel umzubauen, sondern auch die Kirche durch den Kunstmaler Fey - Berlin neu ausmalen zu lassen und die Mittel durch einen Darlehen bei der Landesbank zu beschaffen.

Welch ein schönes Zeugnis hat sich die Gemeinde dadurch ausgestellt und wie hat sie ihre Liebe zur Kirche dadurch aufs neue bewiesen! Möchte doch solch Eifer und solche Freudigkeit und Opferwilligkeit auch die Gleichgültigen und Entfremdeten wieder für ihre Mutterkirche erwärmen und dazu beitragen, dass die ganze Gemeinde immer mehr sich erbaue zu einem Tempel Gottes im Geist.

Gott der Herr aber segne unsere Feier am 5. August.

Zitierhinweis

Zeitungsmeldung. Rosengarten, 8. Mai 1927 In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail_doc.xql?id=lehndorff_e1r_cpz_pcb