Königsberg in Preußen, den 5. April 1815

Ew. Königl. Majestät werden in dem jetzigen großen Augenblick mit Wohlwollen die Gesinnungen aufzunehmen geruhen, welche die Vertreter Allerhöchst Dero großen alten Kernprovinzen Ost-Preußen und Litauen unter diesen Umständen auszudrücken für Pflicht halten.
Die Stände dieser Provinzen waren es, welche im Februar 1813 Ew. Königl. Majestät im Gefühl der reinsten und edelsten Vaterlandsliebe und der heiligsten Treue an das angestammte deutsche Regentenhaus hochherzig, nicht achtend die beispielhaften Leiden, welche sie schon damals seit mehr als 6 Jahren erduldet hatten, untertänigst und dringend baten, durch Errichtung einer Landwehr, gegründet auf echt religiösen, vaterländischen Geist der Entwicklung der Streitkräfte, die höchstmögliche Ausdehnung und die [...] Richtung zu einer wahrhaft heiligen Nationalbewaffnung zu geben.
Die von diesem Lande gestifteten Landwehren, dessen National-Kavallerie-Regiment sowie die Freiwilligen und die im Verhältnis zu der sehr dünnen Bevölkerung in unerhörter und überaus großer Zahl zum stehenden Heer gestellten Mannschaften haben auf eine höchst ausgezeichnete Weise zur Wiederherstellung des Heldenruhms und der Selbständigkeit der Nation beigetragen. Fast ein jeder von uns hat durch ein Opfer, welches seinem Herzen das Teuerste war, den großen Kampf besiegelt, welchen der  Der Erste Pariser Frieden wurde am 30. Mai 1814 nach dem Sturz Napoleons I. (11. April 1814) geschlossen. Er beendete vorläufig den Russisch-Deutsch-Französischer Krieg von 1812 und 1815.
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Pariser Friede
unterbrach.
Unerwartet plötzlich für viele ist der Repräsentant alles Bösen und jeder feindseligen Gesinnung gegen Ew. Königl. Majestät und unser Vaterland, Bonaparte, mit einem mächtigen Anhang, welcher ihn selbst womöglich noch an Schlechtigkeit und Erbitterung übertrifft, an der Spitze der ihm ergebenen französischen Nation aufgetreten; so lange dieses Verhältnis fortdauert, bleibt für den für Ew. Königl. Majestät Allerhöchste Person, für das angestammte deutsche Regentenhaus, für sein Vaterland und für alles, was heilig und edel im menschlichen Gemüt ist, treu und innig   Unleserliche Stelle [...] Untertan kein anderer Wunsch, als der eines mit heiliger Begeisterung kräftig und unter allen und jeden, auch den unerhörtesten Umständen durchgeführten National-Kampfes. Um einen solchen Kampf abermals würdig durchzukämpfen, haben viele der Edelsten, ohne Aufforderung abzuwarten, sich freiwillig gemeldet, und ein jeder unserer braven Landesleute ist bereit, dafür mit inniger Freudigkeit den letzten Blutstropfen zu geben.
Dieser Wunsch, diese innigste Überzeugung, ist es, welche in diesem Augenblick, über alles mächtig, die Brust jedes braven Preußen durchdringen und über jede andere Betrachtung und Erinnerung erheben muss, wir wollen nie die Frage aufkommen lassen, wodurch denn die Wiedererscheinung Bonapartes an der Spitze der französischen Nation möglich werden konnte, wir wollen an den fast beispiellosen Januar, in welchem diese Provinzen durch die Ereignisse der Jahre 1807 und 1812 und durch unsere Unterlassungen und Maßnehmungen der obersten Behörden versunken sind, für jetzt nicht gedenken, wir wollen für jetzt das trübe Gefühl zu beseitigen suchen, welches daraus entstand, dass, während mehrere andere Provinzen, welche nicht seit so langer Zeit und durchaus auf keine so vernichtende Weise gelitten hatten, Erlasse, Beihülfen und ### Blatt 3 fehlt

### Eigentümlichkeit der Provinzen ganz unbeschadet, oder vielmehr zum höchsten Gewinn für die Gesamtkraft der Monarchie, weise und gewissenhaft zu berücksichtigen, und Treue und Glauben aufs unverletzteste zu halten, von neuem herrlich begründet werden, dann wird durch die veredelte und vervollständigte Wiederbelebung der Provinzialstände, durch die aus denselben hervorgehenden und mit denselben in der zweckmäßigsten Wechselwirkung sich befindenden allgemeinen Stände, unterstützt von Paßfreiheit, Öffentlichkeit der Verhandlungen und Freiheit der Beratschlagungen, sich eine wahrhaft ehrwürdige öffentliche Stimme bilden, dann wird jene weise und edle, das Fortschreiten in allem Guten so sehr erleichternde Festigkeit und Stetigkeit in den Formen und Grundsätzen der Gesetzgebung und Staatsverwaltung entstehen.
Möge Gott das Herz Ew. Königl. Majestät regieren und uns bald ein Zeichen werden lassen, wodurch die Zuversicht dieses Glaubens gestärkt wird, gewiss würde solches unter diesen Umständen unendlich wohltätig wirken.

In diesem Glauben dürfen wir auch in Untertänigkeit Ew. Königl. Majaetät dazu Glück wünschen, dass Allerhöchst Dieselben von der Vorsehung bestimmt sind, an der Spitze eines treuen und frommen Volkes einen entscheidenden Kampf gegen das Böse zu bestehen, dessen glorreicher Ausgang die heilbringendsten Folgen haben muss.

Mit diesen Gesinnungen und mit der tiefsten Ehrfurcht und heiligsten Treue verharren wir

Ew. Königl. Majestät

Comitée der Stände von Ostpreußem und Litauen und anwesende Landstände

Zitierhinweis

Memorial des Grafen zu Dohna im Namen der Ostpreußischen und Litauischen Stände. Königsberg, 5. April 1815In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail_doc.xql?id=lehndorff_hdl_qxl_rrb