Extrakt des Reskripts d. d. Berlin den 15. August 1785

Wir Friedrich pp.

Unseren pp. Durch die in dem Introitus an den Tag gelegten Befürchtungen wegen der aus der vorseienden Operation vielleicht entstehenden Gärungen, kann natürlicher Weise die Ausführung der von unserer Allerhöchsten Person aus eigener Anregung erteilten Befehle nicht hintertrieben werden, es ist vielmehr die Pflicht der Collegiorum, durch vernünftiges und vorsichtiges Benehmen, teils in der Auswahl der Kommissarien, teils in Anordnung und Dirigierung der Operationen selbst, allen Unruhen und Irrungen möglichst vorzubeugen, wozu besonders gehört, dass ohne affektierte Geheimhaltung alle unzeitige Verbreitung des eigentlich nur zur Direktion des Collegiorum und zur Belehrung der Kommissarien abzielenden Teils von dem Inhalte der  vom 21. Dezember 1784, in der Akte, Bl. 2-11v.
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vermieden, und die Operationes de  vor Ort
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loco ad locum
ohne unnötigen Eklat vorgenommen werden.

In der Sache selbst läuft der Inhalt des Berichts wesenlich dahin aus,

dass die Untertanen in Ostpreußen nicht Eigentümer ihrer  Güter
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fundoram
, sondern bloße Zeitpächter wären, mithin es bei den Gutsherrschaften stehen muss, die Bedingungen , unter welchen sie den Inhabern der dienstbaren Höfe den Genuss derselben überlassen wollen, zu bestimmen.

Nun wird zuvörderst wohl diese behauptete Qualität der Untertanen nicht so allgemein sein, dass nicht auch Ausnahmen dagegen, und Dörfer und Gegenden, wo die Einwohner ihre fundos eigentümlich oder in Erbpacht besitzen, angetroffen werden sollten, und da wird der Errichtung eines förmlichen und beständigen Urbarii nach dem ganzen Umfang der Immediat-Instruktion nichts im Wege stehen.

Wo aber die Untertanen nur Zeitpächter sind, da ergibt sich allerdings aus dem bei der ganzen Operation zum Grunde liegenden Haupt-Principio, dass es gegenwärtig die Intention keineswegs sei, die einmal subsistirende Landes-Verfassung aufzuheben, und denen Untertanen Rechte, die sie bisher nicht gehabt haben, einzuräumen, oder den Gutsherrschaften etwas von ihren Befugnissen zu entziehen, sondern dass es lediglich darauf ankomme, diese Rechte der Gutsherrschaften und die denselben korrespondierenden Pflichten der Untertanen so zu bestimmen, dass kein Anlass zu Streit, Zweifeln und Prozessen deshalb übrig bleibe.

Soweit ferner die Untertanen bloße Zeitpächter sind, können zwar allerdings über die von den Höfen derselben zu entrichtenden Praestationen keine beständigen und unveränderlichen Bestimmungen stattfinden, sondern es müssen solche bei jeder neuen Pachtung der Arrende und dem Einverständnis der Contrahenten überlassen werden. Dagegen folgt aber auch aus eben diesem Principio und aus dem Endzweck der ganzen Operation, dass jedem Besitzer bei seiner Annahme ein ordentlicher schriftlicher Contract errichtet und darin die für den Genuss der Stelle zu leistenden Dienste und Abgaben genau bestimmt werden müssen.

Ferner folgt eben daraus, dass während der Besitzzeit, sie sei um gewisse Jahre oder auf die Lebenszeit des angenommenen Besitzers oder  unbestimmt
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indistinct
und solange, als sich derselbe seines Besitzrechts  durch eine rechtwidrige Handlung
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per factum illicitum
nach den Landesgesetzen nicht selbsten verlustig machen, bestimmt, eine Veränderung oder Erhöhung der einmal verabredeten Praestationen von dem Dominio nicht einseitig vorgenommen werden kann, sondern dergleichen Veränderung nur alsdann stattfindet, wenn das bisherige Besitzrecht aufhört, und mit ebendemselben oder einem anderen  Pächter
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Colono
von neuem contrahiret werden kann.

Hiernächst ist ferner das von den Referenten selbst vorgeschlagene Principium zu etabliren, dass kein Untertan wider seinen Willen angehalten werden könne, eine dienstbare Stelle anzunehmen, sobald das Dominium die darauf bisher gesetzten Praestationen erhöhen will; welchem ferner auch nach der auf gleichen Gründen beruhende Satz beigefügt werden muss, dass ein Untertan zu Übernehmung einer dienstbaren Stelle auch gegen die bisherigen Praestationen alsdann nicht gezwungen werden könne, wenn der fundos, es sei durch Zufall oder sonst oder gar  durch Herrschaft
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facti dominii
in seiner Substanz und Realitäten  abgeschreckt
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deterionirt
worden.

Diesem allen müssen endlich noch die Cautelen hinzugesetzt werden, dass die neuen Kontrakte bei Besitzveränderungen jederzeit mit Zuziehung des Justitiarii zu errichten, und dass die Konzepte derselben in gewissen Schöppenbüchern zu sammeln und aufzubewahren, damit auf selbige bei dem vorkommenden Falle recuriret werden könne.

Vorstehende Auseinandersetzung wird hoffentlich hinreichend sein, nicht nur Euch selbst über die eigentliche Absicht der gegenwärtigen von uns allerhöchst unmittelbar veranlassten Operationen und über die Art der Anwendung des Inhalts der Immediatinstruktion auf die dortige Provinz näher zu belehren und alle Missverständnisse dabei aus dem Wege zu räumen, sondern Euch auch in den Stand setzen, dass Ihr die Commissarios in der Provinz mit zweckmäßiger und der Landesverfassung accomodierter Instruktion über ihr Verfahren in der Sache besonders bei Aufnehmung der Kontrakte mit den Pachtbesitzern an Orten, wo solche noch fehlen, und bei Revision und Supplizierung derselben an Orten, wo dergleichen Kontrakte schon vorhanden sind, versehen könnt.

Zum Behuf einer solchen näheren Instruktion wollen wir aus Veranlassung des vorliegenden Berichts noch folgende einzelne Bemerkungen hier beifügen.

Es folgen nähere Erklärungen zu einzelnen Punkten der Immediat-Instruktion.

Zitierhinweis

Anlage von Urbarien auf den Gütern . Berlin, 15. August 1785In: Die Spiegelung neuzeitlich-bäuerlicher Lebenswelten in den Akten ostpreußischer Gutsarchive. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2021-2023. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail_doc.xql?id=lehndorff_ock_r1k_hrb