Der Kurfürst hat kein Lösegeld

Herbst war, und das Rohr wurde fahl. Blau wie Stahl lag der See. Er spiegelte die glänzend weißen Wolken, die ein harter Wind über den Himmel jagte. Die Kiefern an den weiten geschwungenen Seeufern standen dunkel. Die Eichen auf der Insel lohten in Gelb und Rot. Dies alles sah man vom Herrenhause aus.

Auf dem Hof tränkten und striegelten die kurfürstlichen Reiter ihre Pferde. Sie kochten derweil in der Ecke des Wirtschaftsgebäudes auf offenem Feuer in einem Kessel ihr Essen. Nur das Herrenhaus und ein Stall hatten notdürftig geflickte Dächer. Alles übrige lag wüst, wie der Brand der Tataren es gelassen, kaum, dass der Schutt beiseite geräumt war.

Mit gleicher Notdurft waren die Äcker bestellt, die der Einfall der Horden im vergangenen Sommer verwüstet hatte. Die Reiter pflügten und eggten, während der andere Teil den Wachdienst versah. Seit der Pole bei Warschau aufs Haupt geschlagen war, hatte man Ruhe vor seinen Scharen, aber es fehlte das Saatgut. Die Bauern fehlten, die er zu Tausenden erschlagen und deren Weiber und Kinder seine Horden in endlosen Zügen in die Sklaverei verschleppt hatten.

Die Soldaten hüteten und bestellten das Land. „Brot muss wachsen, auch wenn ihr mit dem Schwert die Furchen ziehen müsst‟, hatte der Kurfürst gesagt, der die Polen und ihre asiatischen Hilfsvölker 1656 bei Warschau besiegt hatte, und der sich jetzt anschickte, die Schweden aus seinem Land zu manövrieren. Er war ein Großer, eisern von Entschluss und unaufhaltsam in der Tat. Heute waren seine Dragoner Bauern. Morgen würden sie vielleicht zur Feldschlacht reiten. „Alles muss dem Lande dienen, wie es notwendig ist.‟

Das Land aber zwischen den Seen und Haffen, dem Meer und den weiten rauschenden Wäldern löste sich nur schwer aus seiner Erstarrung. Da war kaum ein Hof zwischen den Seen und Wäldern, der nicht gebrandschatzt worden wäre. Da gab es keine Familie, welche nicht Tote und Vermisste zu beklagen gehabt hätte. Als dann aber der Feind besiegt und geworfen war, reckte der Hunger sich auf zwischen den kahlen Mauern der Gehöfte. Baumrinde, zwischen Steinen zerrieben, streckte das Brotmehl, Gras wurde gekocht. Doch der Kurfürst sandte Korn und Vieh. Wenig war es nur; denn Preußen war arm. Die Bauern, die sich hatten in Sicherheit bringen können, kehrten aus den Wäldern zurück. Sie begannen von neuem zu pflügen und zu säen, denn sie liebten ihr Land mehr als das Leben.

Still lagen die weiten Wälder, in welchen sonst in dieser Jahreszeit Hirsch und Elch gejagt wurden. Es gab keine Fischer in den Seen, Reusen und Netze zu stellen. Nur da und dort an einem einsamen Vorsteg saß ein Musketier, die Angel in der Hand, und staunte über die reiche Beute, die sich hier machen ließ, über die endlosen, blitzenden Züge von Barsch und Plötz und über die gewaltigen Hechte.

Auf dem Gutshof saßen die Dragoner um ihre Esstöpfe, als der Reiter vom Regiment kam, der den Tagesbefehl zu bringen pflegte. Der Melder verschwand im Hause und polterte drinnen die Treppe hinauf.

Der Rittmeister – er war der Gutsherr und war hier auf seinem Eigentum und auf den Nachbarhöfen mit dem Schwadron zum Schutze und zur Beackerung des Bodens eingesetzt – entnahm der Meldetasche Befehl und Post, unterschrieb die Bestätigung der Ankunft und entließ den Melder. Der Raum war düster, die Tapete hing in Fetzen. Tisch und Schrank, aus Eiche groß und wuchtig gearbeitet und so zu ihrem Besitzer, der von hohem und breiten Wuchs war, passend, zeigten deutlich die Spuren von Einbruch und Plünderung. Das eine Fenster war mit Brettern und Fellen vernagelt, das andere mit zersprungenen Scheiben notdürftig ausgeflickt. Es stand offen, und Sonnenuhr und Rasen sowie die Hofeiche, die nach dem Brande nur zur Hälfte noch im Laub stand, lagen im Blickfeld, das der See als blauer Spiegel abschloss.

Im Zimmer, neben dem Kamin auf rohen Hölzern aufgebockt, lag ein nicht gerade kleines Fass. Der rote Wein tropfte noch aus dem Zapfhahn, daran sich der Gast des Rittmeisters, der Leutnant Negenborn, vergeblich zu schaffen machte. Er war seiner Hände nicht mehr ganz Meister. „Wir habens ausgesoffen, Rittmeister“, stellte er endlich fest und ließ sich in den Stuhl zurückfallen. „Lass doch den Schreibkram, dämliches Zeug das, und nie etwas neues. Schwadron soll pflügen, eggen, Gerste karren, das Schwidderer Bruch zum neunten Male nach den vermeintlich dort zurückgebliebenen Tataren durchkämmen und doch nichts finden, weil die Hunde nie darin gewesen sind. Oder hast Du doch was neues, Lehndorff?“

Negenborn richtete sich auf und sah den Kameraden forschend an, der seltsam starr über ein Papier gebeugt stand. „Abmarsch?“ – Der Leutnant schnellte erwartungsvoll auf. „Bleib sitzen“, schrie Lehndorff. „Persönliches! Vom Kurfürsten. Die Antwort aus Berlin!“ Er lachte auf, durchmaß einmal den Raum und verhielt dann wieder, das Schreiben nochmals durchlesend, über den Tisch gebeugt. „Was denn?“ fragte Negenborn.

Der Rittmeister, mit totenblassem Gesicht, las laut: „Wie wir nicht Taler genug haben, die Weiber unserer Bauern zurückzukaufen, Saatgut auf die gebrandschatzten Höfe zu geben und Vieh, damit das Land wieder hochkomme, so haben wir auch nichts übrig, das genug wäre, um dem Türken die Gräfin Lehndorff zu bezahlen und sie auszulösen. Wenn der Rittmeister aber dieserhalb seinen Abschied verlangt und in fremden Dienst gehen will, durch Verkauf seines Gutes und höheren Sold und Beute das Lösegeld will aufbringen, so verweigern wir ihm die Erlaubnis, denn wir brauchen unsere Offiziere gegen den Feind und unsere Edelleute und Bauern für das Land, und kann nicht ein jeder tun nach seinem Herzen, sondern muss bei seiner Pflicht bleiben.“

Der Rittmeister zerknüllte das Papier in der Faust und schleuderte es unter den Tisch. Er lief einige Male wie ein gefangenes Tier zwischen Tür und Fenster auf und ab. Er ließ sich auf die Truhe fallen und stützte das Kinn auf seine Fäuste und starrte zu Boden. Negenborn suchte seine Gedanken zu sammeln. Wie war es doch gewesen? Bei Prostken hatten die Tataren die Landwehr überrascht und zusammengehauen. Sie, die Reiter bekamen danach den Befehl, soweit es noch möglich war, die Straßen zu decken, auf denen das Landvolk flüchtete. Der Rittmeister hatte Urlaub erbeten, sein Besitz sei in Gefahr.

„Das ganze Land ist in Gefahr“, hatte der Kommandeur unwirsch geantwortet. „Wer soll meine Dragoner führen, wenn ich meine Offiziere beurlaube?“

Später, als sie nach   Doliewen
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Lehndorff
kamen, waren Gut und Herrenhaus verwüstet, die Menschen erschlagen oder, wie man von einem alten Weibe erfuhr, das sich unter dem Mist verborgen gehalten hatte, verschleppt. Sie hatte gesehen, dass man die junge Herrin auf einen Wagen stieß. Lehndorff raste, seine Zusammenbruch war unvorstellbar. Nur im Dienst, im Gefecht war er nüchtern. Sein Reiten bei Verfolgung der Fremden war grauenhaft. Zu seinen Leuten blieb er gut, aber sie fürchteten ihn, weil er niemals mehr lachte und Feuer in den Augen hatte.

Wenige Wochen war es her, da kam ein Händler auf einem tatarischen Pferdchen geritten, verlangte den Grafen zu sprechen und übergab ihm einen   Marianna, geb. von Schlichting. Abschrift des Briefes in: LASA, StA L, Bestand 21950 Familienarchiv Lehndorff, Nr. 353. Vgl. auch GStA PK, I. HA GR, Rep. 7, Nr. 13 L 46 a fasz. 4, Bl. 3-6v, 28-30, 44-52 sowie XX. HA Adelsarchiv, Nr. 662, Bd. 7, Bl. 24-25.
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Brief seiner jungen Frau.
Bis nach Konstantinopel verschleppt, war sie in die Hände eines Türken gelangt, der wollte sie gegen eine Summe Geldes freigeben. „Schicke das Geld oder Gift, damit ich sterben kann“, hatte sie in eine Ecke gekritzelt.

„Der Kurfürst hat keine Hilfe für eine Edelfrau – aber er verlangt den Dienst“, sagte Lehndorff jetzt. „Rittmeister!“ rief Negenborn erschrocken, denn die Adern an Lehndorffs Schläfe und Stirn schwollen plötzlich zum Bersten und sein Gesicht brannte vor Glut. „Den Teufel werde ich tun“, brüllte er. „Meine Schwadron werde ich gegen den Türken führen, wenn dieser Herr in Brandenburg nichts mehr für die Frau eines Edelmanns übrig hat!“

Negenborn sprang auf. Er stieß dabei an das Fass, das dumpf dröhnend zur Erde polterte. Der Rittmeister lehnte weit aus dem Fenster. „Alarm!“ brüllte er. „Fertig machen! An die Pferde! Sofort die Melder nach Upalten, nach Steinort! Die Schwadron sammelt sich hier!“

„Rittmeister! Lehndorff!  Es handelte sich um Sebastian von Lehndorff. Er hatte sich 1661 an den Kurfürsten von Brandenburg mit einer Supplik gewandt, ihn von Kontribution und Einquartierung zu befreien, um seine durch die Tataren verschleppte Familie loskaufen zu können, in: GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 839.
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Ludwig
!“ Der Leutnant von Negenborn hatte seien Hände beschwörend auf die Schultern des Vorgesetzten und Kameraden gelegt. Der wandte sich um. Sein Blick flackerte. „Mach Dich fertig – sofort!“ Er trat an ihm vorbei und langte nach Degen und Pistole, die auf dem Tisch lagen. Aber Negenborn war schneller. Er hatte die Schusswaffe an sich gebracht, spannte den Hahn, reichte sie dem Rittmeister und stellte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür.

„Erschieß' mich“, sagte er, „dann kannst Du abreiten.“

Lehndorff sah den Freund an. „Du willst also nicht?“ murmelte er und wog die Waffe nachdenklich in der Hand. „Ja habt ihr denn alle Fischblut? Versteht ihr mich denn nicht?“ stieß er dann wieder in furchtbarer Aufwallung hervor.

„Eine Frage“, sagte Negenborn kalt. „Würdest Du es billigen, dass deine Frau, wenn Du gefangen und entehrt wärst, den Besitz deiner Familie verkaufte, um durch ein Lösegeld den äußeren Schatten deines Lebens zurückzuerhalten?“ – „Ich habe keine Familie“, unterbrach Lehndorff. „Dein Bruder hat sie“, fuhr Negenborn unerschütterlich fort. „Wenn deine Frau, um Dich in umgekehrtem Fall freizukaufen, sich selbst entehrte, außer Landes ginge, nie mehr zurückkehren könnte, so dass diese Wälder und Felder, all das, worauf Euer Leben sich gründet, für euch und eure Sippe verloren wäre – wäre Dir deine Heimkehr das wert?“ – „Es geht doch nicht um mich“, murmelte Lehndorff. Er legte die Waffe auf den Tisch und ging gesenkten Hauptes zum Fenster.

Drunten im Hof war ein geschäftiges Treiben. Fahrzeuge wurden beladen, Pferde gesattelt. Der Rittmeister sah es nicht. Seine Augen waren auf den See gerichtet. Auf die Wiesen und Felder.

Der Acker, auf dem die Tartaren im vergangenen Sommer das Getreide auf dem Halm verbrannt hatten, würde schon in diesem Herbst neue Saat tragen – aber eine Gräfin Lehndorff als Sklavin verschleppt … wie hatte Negenborn, der Kamerad gesagt: „Gefangen und entehrt … durch ein Lösegeld den äußeren Schatten eines Lebens zurückerhalten!“

Der Bote, der Händler, wartete auf Antwort.

Negenborn stand noch immer an der Tür. In unzähligen Feldlagern und Gefechten der Kamerad seines Rittmeisters, hatte er dessen Gedanken mitgedacht. Jetzt sagte er leise: „Es ist gewiss, dass man seinen Kameraden nicht im Stich lässt. Als wir Arnheim bei Prostken verstümmelt fanden, ließest Du ihm deine Pistole. Er hatte ein Anrecht darauf. Der Ring, den deine Frau Dir als Erkennung und Ausweis für den Boten mitgab, ist hohl, nur eine Strähne ihrer Haare war darin. Ich will ihr, wenn Du erlaubst, darin verborgen etwas zurücksenden – wie sie es wünscht.“

Lehndorff blieb abgewandt und sah durchs Fenster.

Die weißen Wolken jagten in Fetzen über den Himmel fort. Der harte Wind riss Blätter von der Eiche. Langsam wanderte der Schatten auf der Sonnenuhr, unmerklich fast. Lehndorff zog den Ring vom Finger und legte ihn schweigend rückwärts auf den Tisch, wo ihn der Leutnant an sich nahm. Dann kam der Kornett Tettenborn und meldete, dass die Schwadron abmarschbereit am Wege stünde. „Das Schwimmerer Bruch soll noch einmal umstellt und durchgekämmt werden“, befahl der Rittmeister und wies auf den Befehl. „Lasst aufsitzen. Der Leutnant und ich kommen.“

 Sebastian von Lehndorff verstarb 1682 kinderlos. Seine verwüsteten Güter Doliwen und Chelchen trat er an Ahasverus Gerhard von Lehndorff ab, vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 54 Gutsarchiv Lehndorff-Steinort, Nr. 297 und 404. Der oben erwähnte Ludwig von Lehndorff aus dem Hause Statzen (1674-1708) war zweimal verheiratet und hatte aus erster Ehe einen Sohn, vgl. Schwennicke, Detlev, Europäische Stammtafeln N. F., Bd. XX: Brandenburg und Preußen 1, Frankfurt am Main 2002, Tafel 149 und 150. Weder Sebastian noch Ludwig noch ein anderer Lehndorff fielen in der Schlacht bei Fehrbellin 1675.
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Es wird berichtet, dass Lehndorff später eine zweite Ehe einging und einen Sohn hatte. Er selber fiel bei Fehrbellin.
In seinem Testament fand sich der Satz: „Es kann nicht jeder tun nach seinem Herzen, sondern muss bei seiner Pflicht bleiben!“

Zitierhinweis

Zeitungsartikel. 18. Januar 1941In: Lebenswelten, Erfahrungsräume und politische Horizonte der ostpreußischen Adelsfamilie Lehndorff vom 18. bis in das 20. Jahrhundert. Bearbeitet von Gaby Huch. Herausgegeben an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 2019. URL: https://lebenswelten-digital.bbaw.de/dokumente/detail_doc.xql?id=lehndorff_wp2_mqk_5bb